Verhaltensstörungen

Unglaublich, was manche Nymphensittiche durchmachen müssen. Gut, dass es Menschen gibt, die sich solcher Tiere annehmen. Kerstin hat neben ihrem fehlgeprägten Hahn Nic, auch zwei Hähne aufgenommen, die auf dem Sperrmüll gefunden wurden.

CharlesNachdem wir umgezogen waren und die neue Wohnung ein extra Vogelzimmer hergab, war es keine Frage, daß unsere zwei Nymphen nicht länger alleine bleiben sollen.
Also rief ich die umliegenden Tierheime an und durchstöberte die Anzeigen in diversen Foren und Zeitungen nach Abgabevögel, die ein neues Zuhause suchen. Fündig wurde ich in den Vogelforen, dort wurde inseriert, daß in einem Tierheim zwei Nymphensittiche auf ihre neuen Besitzer warten. Der Anruf war ernüchternd. Man sagte mir, daß das Nymphensittichpärchen schon vermittelt sei, aber es wären noch zwei alte Vögel da, die schon länger im Tierheim sitzen würden, weil sie nicht vermittelbar wären. Sie würden schon über ein Jahr da sitzen, einer hätte wenige Federn und sie könnten beide nicht mehr fliegen. Auf meine Frage, warum sie nicht vermittelbar seien, antwortete man mir, dass sie keiner haben will, weil sie so schlimm aussehen!
Also sind wir zwei Tage später dorthin gefahren um uns die beiden anzusehen.

Bei unserer Ankunft wurden wir von der Tierheimleiterin erstmal ins Büro gebeten, wo sie uns die Vorgeschichte von Charles und Eddie erzählte. Jemand hatte die beiden zufällig auf einer abgelegenen Straße bei illegal entsorgtem Sperrmüll gefunden. Bis auf die Knochen abgemagert und völlig dehydriert wurden sie im Tierheim abgegeben, wo sie erstmal notdürftig versorgt wurden. Charles war der Einzige, der einen Ring trug, über die Ringausgabestelle fand das Tierheim heraus, dass der Ring ca. 20 Jahre alt ist.

EddieDann durften wir in den Verschlag, in dem die Beiden saßen. Der Anblick war mehr als erschreckend. Charles hatte sich bis auf wenige Schwung- und Schwanzfedern, fast alle Federn abgefressen, war ziemlich unterernährt und hatte offensichtlich ein Problem mit der Atmung. Aber er hatte neugierige Augen und als ich mit der Hand auf ihn zukam, senkte er gleich den Kopf um sich kraulen zu lassen.

Eddie hingegen war bis auf einen kahlen Hals voll befiedert, aber auch er war sehr mager und atmete schwer. Aber im Gegensatz zu Charles war Eddie sehr ängstlich, flüchtete in die hinterste Ecke um uns von dort aus anzufauchen.

Es gab für uns nichts zu überlegen, die beiden mussten unbedingt dort raus und erstmal gründlich von einem vogelkundigen Tierarzt untersucht werden! Wir haben die beiden gleich mitgenommen und zwei Tage später bin ich mit ihnen zum Tierarzt gefahren. Die Untersuchungen waren ziemlich anstrengend für die beiden und die Ergebnisse waren entmutigend:

GefiederVon da ab hieß es erstmal aufpäppeln, Vitamine und Mineralstoffe zuführen und den Pilz bekämpfen um die Atmung zu verbessern.

Zwei Wochen lang mussten die beiden täglich ein Pilzmittel in den Schnabel eingegeben bekommen, danach mehrere Wochen lang ein weiteres Pilzmedikament inhalieren.

Nachdem alle Ergebnisse da waren, durften die beiden endlich zu unseren beiden Nymphen Cookie und Nic, was natürlich ein großes Hallo gab. Zum Glück wurden Beide freundlich aufgenommen, obwohl es ab da drei Hähne und nur eine Henne waren.

Aber das Zimmer ist groß genug, um sich notfalls auch aus dem Weg gehen zu können, es gibt genügend Äste und Versteckmöglichkeiten, es gab nie Revierstreitigkeiten.

Neugierig wurde alles erkundet, im neuen Zuhause gibt es Äste und einen Kletterbaum, eine Sandkiste zum Wühlen, eine kleine Vogelwiese in einem Balkonpflanzkasten und ein vergittertes Fenster um ungefilterte Sonne tanken zu können. Außerdem gibt’s fast täglich frische Zweige mit Blättern zum Schreddern, als Beschäftigungstherapie. Der neue Lieblingsplatz war ab da erstmal der höchste Ast, den man bequem vom Dach der kleinen Voliere, welche als Futterplatz und Rückzugsmöglichkeit dient, zu Fuß erreichen kann.

Es stellte sich heraus, dass Charles sehr kurze Strecken mit seinem spärlichen Gefieder fliegen konnte, allerdings bekam er danach fast keine Luft mehr. Für Eddie war es trotz des intakten Gefieders auch nicht möglich, weiter zu fliegen, der Pilz machte beiden arg zu schaffen.

Weiter ging in den nächsten Monaten mit der Bekämpfung der Würmer, der Milben, der Staphylokokken (welche vermutlich für Charles‘ geschwollenes Füßchen und die Ekzeme verantwortlich waren) und wieder die Pilzbekämpfung. Alles natürlich mit entsprechenden Pausen dazwischen und viel Pflege. Die Atmung wurde nur sehr langsam besser, aber... die ersten Federn wuchsen bei Charles und er machte die ersten trockenen Flugübungen, indem er die Flügel spreizte und sich kopfüber von den Ästen runterhängen lies und flatterte!

Charles rupfte sich anfangs die neuen Federn alle gleich wieder aus, aber nach und nach ließ er davon immer mehr ab und beschäftigte sich mit anderen Dingen. An Eddies Hals wachsen leider nach wie vor keine Federn.

Dann kam Eddies großer Tag, es zogen noch zwei Hennen ein, um das Gleichgewicht zwischen Hennen und Hähnen herzustellen. Eddie war von Anfang an begeistert und schaffte es sogar, sich mit einer der Hennen zu paaren. Er erlebte seinen zweiten Frühling (mit geschätzten 20 Jahren!), Charles hingegen scheint sich nach jahrelanger schlechter Haltung mit einem Hahn nicht mehr für das weibliche Geschlecht begeistern zu können, er balzt lieber seinen Freund Eddie an und singt für ihn die schönsten Arien.

CharlesMittlerweile sind Charles und Eddie seit ca. einem Jahr bei uns.

Charles ist bis auf ein paar wenige Stellen vollständig befiedert, kann durch die ganze Wohnung fliegen und ist ein neugieriger hübscher Nymphensittich geworden. Seine Atmung ist fast unauffällig, allerdings wird er für den Rest seines Lebens sporadisch gegen den Pilz inhalieren müssen.

Eddie hat - nach wie vor- vor den Menschen lieber seine Ruhe, aber auch ihm geht es gesundheitlich deutlich besser als noch vor einem Jahr. Er balzt und singt und genießt sein Leben, aber auch er wird, wie Charles, immer inhalieren müssen.

EddieWenn man die beiden heute sieht, kann man kaum glauben, dass sie als nicht vermittelbar galten und eigentlich schon aufgegeben wurden. Wahrscheinlich haben die beiden selbst nicht mehr geglaubt, dass sie irgendwann mal in einem kleinen Nymphenschwarm fliegen dürfen und nicht mehr in einem Käfig mit falscher Gesellschaft sitzen müssen.

Die positive Entwicklung von Charles und Eddie mit verfolgen und dazu beitragen zu dürfen, war ein sehr beeindruckendes Erlebnis und ich hoffe, dass noch sehr viele Abgabvögel ein ähnliches positives Ende ihrer Haltungslaufbahn erleben dürfen.

von Jana