Auf dem Weg vom Einzelvogel zum Schwarmmitglied

Auch Kerstin hat sich auf meinen Aufruf "Wer hat verhaltensgestörte Nymphensittiche?" gemeldet. Sie hat gleich 3 Tiere aufgenommen, die von ihren bisherigen Besitzern unerwünscht waren. Hier geht es um Nic, der aus Einzelhaltung kam und sich nur sehr schwer an das Leben mit anderen Nmphensittichen gewöhnen konnte. Am Ende des Beitrags können zwei kurze Videos heruntergeladen werden.

Nic wurde von seinem Vorbesitzer abgegeben, weil er zu laut geworden war, er war zum Dauerschreier geworden. Als ich ihn abholen kam, bot sich ein typisches Bild der leider allzuüblichen Einzelhaltung. Ein lieblos eingerichteter Käfig mit zwei Holzsitzstangen und einem großen Spiegel. Der Käfig stand auf dem Boden direkt neben dem Fernseher. Die Familie hatte eine kleine Tochter, welche damals im Krabbelalter war, was erklärte, warum der Käfig auf dem Boden stand, so konnte sich das Kind gut am Käfig hochziehen und war mit seinem Spielkameraden auf Augenhöhe. Was mir gleich auffiel, Nic war extrem zutraulich, er hatte mich bis dahin noch nie gesehen, kam aber sofort zu mir ans Käfiggitter und hielt mir den Kopf zum Kraulen hin. Der Vorbesitzer erzählte mir, er sei schon der dritte Besitzer, damals war Nic vier Jahre alt!

Nic Nic balzt eine Socke an

Als er bei uns einzog merkte man gleich, dass er mit Artgenossen nichts anfangen konnte (damals lebten bei uns noch eine Nymphenhenne und zwei Stanleysittiche). Er hatte richtige Angst vor den anderen Vögeln, wenn einer umherflog, ging Nic in Deckung und versuchte sich zu verstecken!

Sein Verhalten den anderen Vögeln gegenüber reichte von völliger Ignoranz bis zu ängstlichem Flüchten, besonders vor der Nymphenhenne, die immer wieder Anschluss suchte. Und schnell zeigte sich auch, Nic schrie bei uns ebenfalls, sobald er keinen Menschen um sich herum hatte. Er war total auf den Menschen geprägt, wollte sogar abends mit uns ins Bett. Das Schreien hörte auf, wenn es dunkel wurde und begann, sobald es wieder hell wurde. Extrem zugeneigt ist er allem, was mit Kleidung zu tun hat, vornehmlich Socken, aber auch Schuhe und generell Füße sind für ihn besonders wichtig. Sobald man das Zimmer betrat, flog Nic sofort auf den Boden um den Füssen hinterher zu laufen.

Nic Nic liebt Füße

NicNic war jetzt ca. zwei Monate bei uns, dann kam der Umzug. Wir zogen in eine größere Wohnung und hatten von da an ein eigenes Zimmer für die Vögel. Dieses Zimmer ist mit Ästen und frischen Zweigen ausgestattet, einem Kletterbaum, einem vergitterten Fenster für Sonne und Frischluft usw.

Was für die meisten Vögel in Gefangenschaft wahrscheinlich ein kleines Paradies ist, kam für Nic eher einer Hölle gleich, sein Schreien verstärkte sich noch. Betrat man den Raum, flog er sofort auf die Schulter oder gleich an einem vorbei in die Wohnung (Hauptsache weg von den Vögeln und dahin, wo der Mensch lebt). Wollte man ihn auf die Hand nehmen, biss er aus Angst, man wolle ihn nicht mit aus dem Zimmer nehmen. Er ist stundenlang hinter der Zimmertür hin und her gerannt und hat geschrieen.

Er hat die Tür bewacht und es war kaum noch möglich, das Zimmer zu betreten, ohne dass der Vogel sich durch den kleinsten Spalt drückte um dort raus zukommen. War er mit in der Wohnung, konnte man ihn nur unter heftigen Beißattacken zurück ins Zimmer bringen.

Da der Schwarm natürlich wachsen sollte (die Stanleys waren ab da nicht mehr bei uns) und es so auf keinen Fall weitergehen durfte, zogen zwei weitere Nymphen ein. Wir haben den Kontakt zu Nic langsam immer weiter eingeschränkt und uns überwiegend auf die Pflegemaßnahmen beschränkt, so dass er sich zwangsläufig mehr mit den anderen Nymphen beschäftigen musste und auch ein wenig aus ihrem Verhalten lernen konnte. Am Anfang ging das natürlich nicht ohne Probleme und es war schwierig, ein für ihn zumutbares Maß herauszufinden. Es wurden dann feste Zeiten eingeführt, in denen man sich im Vogelzimmer aufhielt. Das war morgens vor der Arbeit zum Füttern und abends nach der Arbeit um nach dem Rechten zu sehen. Diese Zeiten habe ich gesteigert, je weniger Nic schrie und wieder zurückgeschraubt, je mehr er schrie.

Ein paar Wochen später wurde Nic tatsächlich immer stiller und hatte sich dem Minischwarm immer mehr zugewandt.

Heute ist Nic mit seiner Henne Cookie fest verbunden, wenn auch leider nicht richtig verpaart. Es hat den Anschein, dass er es immer noch nicht richtig einordnen kann, wer sein natürlicher Geschlechtspartner ist, er balzt nach wie vor Socken und Schuhe an, wenn man ihn lässt. Nic und Cookie sitzen immer zusammen, keiner macht einen Schritt ohne den anderen und auch der Schlafplatz wird geteilt. Seine Vorliebe für Kleidung und Füße hat er leider immer noch, aber er ist heute voll integriert in den Minischwarm, welcher mittlerweile aus sechs Nymphen besteht. Das Schreien hat sich ganz eingestellt und alleine aus dem Schwarm raus in die Wohnung kommt er nur noch selten, trotzdem besteht er auf seine täglichen Krauleinheiten von uns.

Wahrscheinlich wird Nic niemals eine “normale” Nymphenpartnerschaft eingehen, dazu ist die Prägung auf den Menschen zu früh und zu intensiv erfolgt, aber er hat mittlerweile gelernt, sich wie ein Vogel zu verhalten und akzeptiert andere Vögel als seinesgleichen.

Kerstin

Video 1 und Video 2 dazu ansehen